Hallux valgus

Der Hallux valgus ist eine komplexe und häufige Fußfehlstellung. Er verursacht oft Schmerzen und Beeinträchtigungen im Alltag. Die Diagnose ist klinisch und radiologisch zu stellen. Eine konservative Therapie sollte immer zuerst versucht werden, um Beschwerden zu lindern, auch wenn sie die Fehlstellung nicht verbessert. Bei anhaltenden Beschwerden kann eine Operation erwogen werden. Operativ stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung. Eine gute Nachbehandlung ist für Ihre langfristige Zufriedenheit entscheidend.

Definition

Einfach ausgedrückt weicht beim Hallux valgus Ihre Großzehe nach außen ab. Gleichzeitig verschiebt sich der erste Mittelfußknochen nach innen. Das nennen wir „Metatarsus primus varus“. Zusätzlich kommt es zu einer Verdrehung (Pronation), der Zehennagel zeigt nach innen. Der Hallux valgus führt dazu, dass das Großzehengrundgelenk nicht mehr mittig liegt, es ist dezentriert. Die sichtbare „Beule“ ist ein Knochenvorsprung – eine sogenannte Pseudoexostose.

Beschwerden

Die Hauptursache für Schmerzen ist oft die auffällige „Beule“ am Gelenk. Sie reibt im Schuh und kann Druckstellen oder eine schmerzhafte Schleimbeutelentzündung verursachen. Passt das Schuhwerk nicht richtig, können Reibung und Druck sogar zu Hautverletzungen führen. Durch die Abweichung der Großzehe nach außen kann es zudem zu sekundären Fehlstellungen der anderen Zehen kommen, oder zu einer sogenannten Transfermetatarsalgie – also Schmerzen im Bereich des Fußballens.

Häufigkeit

Der Hallux valgus gehört zu den häufigsten Fehlstellungen. In einer eigenen wissenschaftlichen Arbeit konnten wir zeigen, dass in Deutschland ca. 2% der Bevölkerung an einem Hallux valgus leidet. Dabei sind Frauen mit über 80% der Fälle deutlich häufiger betroffen. Es zeigt sich zudem ein klarer Anstieg der Häufigkeit ab dem 50. Lebensjahr.

Ursachen

Die Entstehung des Hallux valgus ist komplex und noch nicht vollständig verstanden. Allerdings ist die landläufige Meinung, dass enge Schuhe mit hohen Absätzen die Hauptursache sind, nicht richtig. Die Hauptursache scheint eine familiäre Veranlagung, also eine genetische Veranlagung, zu sein. Weitere Faktoren sind eine Schwäche der Bänder und Kapseln im Fuß oder eine Schwäche bestimmter Muskeln. Allerdings können auch Verletzungen des Großzehen oder neurologische Erkrankungen zur Entwicklung eines Hallux valgus führen.

Klinische Untersuchung

Die Diagnose beginnt mit einer sorgfältigen Untersuchung durch Ihre Ärztin bzw. Ihren Arzt. Dabei wird nicht nur auf den Fuß geachtet, sondern es erfolgt auch eine Beurteilung der Beinstellung und des Gangbildes. Wir prüfen den Grad der Zehenfehlstellung, die Beweglichkeit und Stabilität verschiedener Fußgelenke. Ein besonderes Augenmerk gilt der Haut: Druckstellen oder vermehrte Hornhaut können auf Fehlbelastungen hinweisen. Wichtig sind auch mögliche andere Fehlstellungen im Sprunggelenk oder Fuß.

Bildgebung

Nach der körperlichen Untersuchung sind bildgebende Verfahren entscheidend, um das Ausmaß der Fehlstellung genau zu beurteilen und die Therapieplanung zu unterstützen. Standardmäßig erstellen wir Röntgenbilder unter Belastung, also im Stehen, aus verschiedenen Blickwinkeln. Anhand dieser Bilder können wir spezielle Winkel vermessen, die für die Einteilung des Schweregrades und Ihre individuelle Operationsplanung wichtig sind. Unter Umständen können weitere Untersuchungen, wie beispielsweise eine digitale Volumentomographie, eine Magnetresonanztomographie oder eine Fußdruckmessung, notwendig sein.

Einteilung

Im Zuge der Überarbeitung der aktuellen Leitlinie zur Behandlung des Hallux Valgus, haben wir in der Leitlinienkommision der Deutschen Assoziation für Fuß- und Sprunggelenkschirurgie, unter anderem auch die Klassifikation des Hallux valgus neu bewertet. Traditionell erfolgte die Einteilung in drei Schweregrade – leicht, moderat und schwer. Im Rahmen der neuen Leitlinie empfehlen wir nun die Einteilung in nur noch zwei Schweregrade: moderat und schwer. Diese Einteilung basiert auf zwei im Röntgenbild gemessenen Winkeln: dem Hallux-valgus-Winkel und dem Intermetatarsal-Winkel.

Konservative Behandlung

Die konservative Therapie hat das primäre Ziel, Ihre Schmerzen zu lindern und die Funktion des Fußes zu verbessern. Eine dauerhafte Korrektur der Zehenstellung ist ohne Operation jedoch nicht möglich. Die wichtigste konservative Maßnahme ist die Anpassung des Schuhwerks: Sie sollten flache Schuhe mit weichem Oberleder und einer ausreichend großen Zehenbox tragen. Ergänzend kommen Einlagen, Nachtlagerungsschienen und Physiotherapie zum Einsatz. Durch spezifische Muskelkräftigungs- und Dehnübungen sowie manuelle Therapie kann bei frühen Formen des Hallux valgus eine Linderung der Beschwerden erzielt werden.

Operative Behandlung

Ob eine Operation durchgeführt wird hängt vom Ausmaß der Beschwerden ab und ist stets eine individuelle Entscheidung. Zuvor sollte jedoch mindestens drei Monate lang eine konservative Therapie versucht worden sein.

Obwohl über 100 verschiedene Operationstechniken beschrieben sind, lassen sich diese auf wenige gängige Eingriffe reduzieren. Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen gelenkerhaltenden und versteifenden Verfahren. Bei den gelenkerhaltenden Verfahren korrigieren wir die Fehlstellung durch gezielte Knochenschnitte und Umstellungen. Die verschiedenen Verfahren unterscheiden sich v.a. in der Lokalisation an der die Knochenschnitte erfolgen und ob sie offen oder minimal-invasiv durchgeführt werden. Bei den versteifenden Verfahren wird entweder das Gelenk zwischen dem ersten Mittelfußknochen und dem ersten Fußwurzelknochen (TMT-I-Arthrodese) oder das Großzehengrundgelenk versteift. Die Wahl des Operationsverfahrens hängt vor allem von der Ausprägung Ihrer Fehlstellung, möglichen Gelenkinstabilitäten oder einer bestehenden Arthrose im Großzehengrundgelenk ab.

In den letzten zehn Jahren haben sich minimal-invasive Operationstechniken stark weiterentwickelt. Bei diesen Verfahren werden die Knochenschnitte durch kleine Hautinzisionen mithilfe einer rotierenden Fräse durchgeführt. Die Korrektur wird anschließend mit Schrauben stabilisiert. Die Vorteile dieser minimal-invasiven Techniken liegen in ihrem hohen Korrekturpotenzial und den kleineren Narben. Das für Sie am besten geeignete Operationsverfahren legen Sie mit Ihrer Fußchirurgin oder Ihrem Fußchirurgen fest.

Nach der Operation

Nach der Operation beginnt die wichtige Phase der Nachbehandlung. Für die ersten 2 Wochen, bis die Wunden verheilt ist, sollten Sie viel hochlagern und schonen. Für das Gehen sind Sie auf Gehstützen angewiesen und der Fuß sollte nicht voll belastet werden. Nach dem Fadenzug, ca. nach 14 Tagen, kann die Belastung dann schrittweise gesteigert werden. Für die ersten sechs Wochen nach der Operation werden Sie einen speziellen Verbandsschuh tragen, der Ihren Fuß schützt und eine kontrollierte Belastung ermöglicht. Es ist wichtig, frühzeitig mit Bewegungsübungen für die Großzehe zu beginnen. Maßnahmen wie Schonung, Kühlung und Lymphdrainage fördern die Heilung. Beachten Sie, dass der Fuß für drei bis sechs Monate eine Schwellneigung aufweisen kann. Seien Sie geduldig – die Heilung braucht ihre Zeit.

Komplikationen

Wie bei jedem chirurgischen Eingriff birgt auch die Hallux-valgus-Operation allgemeine und spezielle Risiken. Es ist wichtig, diese vorab ausführlich mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin zu besprechen. Allgemeine Komplikationen können Wundheilungsstörungen, Infektionen oder Schäden an Nerven und Gefäßen sein. Zu den speziellen Risiken gehören die Verkürzung des ersten Strahls, eine eingeschränkte Beweglichkeit des Großzehengrundgelenks, Schmerzen im Fußballen (Transfermetatarsalgie) oder das Nicht-Verheilen von Knochenschnitten beziehungsweise Versteifungen. Auch eine Unter- oder Überkorrektur Ihrer Fehlstellung ist möglich. Die bereits erwähnte Schwellneigung des Fußes für drei bis sechs Monate gilt dabei nicht als Komplikation.

Ergebnisse

Unsere systematische Literaturrecherche hat gezeigt, dass die operative Therapie bei einem schmerzhaften Hallux valgus in den meisten Fällen, zu einer deutlichen Verbesserung der Schmerzen führt. Die meisten modernen Operationsverfahren erzielen dabei vergleichbare Ergebnisse hinsichtlich der Korrektur der Fehlstellung und der Schmerzreduktion. Entscheidend für den Erfolg ist ein realistisches Erwartungsmanagement vor der Operation. Daher müssen Aspekte wie die Schwellneigung, Narben und eine mögliche, subjektiv nicht vollständig zufriedenstellende Korrektur der Fehlstellung, sowie der lange Heilungsverlauf vor dem Eingriff ausführlich besprochen werden.