Muskel- und Sehnenverletzungen
Muskel- und Sehnenverletzungen gehören zu den häufigsten Ursachen für Funktionseinschränkungen im Sport und im Alltag. Ob im Profisport, beim Freizeitsport oder nach einem Unfall – eine exakte Diagnostik und ein leitliniengerechtes, individuell abgestimmtes Vorgehen sind die Voraussetzung für eine vollständige und nachhaltige Wiederherstellung von Aktivität und Lebensqualität.
In unserer Praxis bieten wir Ihnen eine umfassende Expertise in der Diagnostik sowie der konservativen und operativen Versorgung von Muskel- und Sehnenpathologien im Bereich des Beckens, Oberschenkels und Kniegelenks.
Im Rahmen einer Studie der Vereinigung Europäischer Fußballverbände UEFA von Ekstrand et al. konnte schon 2011 folgendes stichpunktartig gezeigt werden:
- ein Drittel aller Verletzungen im Profi-Fußball sind Muskelverletzungen.
- mehr als die Hälfte davon sind Verletzungen des Oberschenkels.
- zwei Drittel der Oberschenkelmuskelverletzungen betreffen die Hamstrings, ein Drittel den Quadrizeps. Weitere häufige Lokalisationen sind die Hüft-Leisten-Region und die Waden.
- Rezidiv-Verletzungen treten in bis zu 16 % der Fälle auf und betreffen überdurchschnittlich häufig die Leisten- und Hüftregion. Die zu erwartende Ausfallzeit ist dann ca. 30 % länger als bei der Primärverletzung.
- ein Fußball-Profiteam mit 25 Spielern muss von etwa 10-15 Muskelverletzungen pro Saison ausgehen.
- die Ausfallzeit hängt von der Art und Schwere der Verletzung ab, bei Muskel-Komplettrupturen kann diese sogar einige Monate betragen.
Unser Ziel ist es, Ihnen durch modernste Behandlungsverfahren eine sichere Rückkehr zu Ihrem gewohnten Aktivitätsniveau zu ermöglichen (Return to Activity).
Diagnostik und Klassifikation
Eine fundierte Therapieplanung setzt eine exakte Einordnung der Verletzung voraus. Wir nutzen hochauflösende Ultraschalldiagnostik (Sonografie) und die Magnetresonanztomographie (MRT), um das Ausmaß der Schädigung genau zu bestimmen und gemäß international etablierter Klassifikationssysteme einzuteilen:
- die Klassifikation von Müller-Wohlfahrt (Munich Consensus Statement 2013) unterscheidet funktionelle und strukturelle Muskelverletzungen. Funktionelle Muskelstörungen (Typ 1 und 2) umfassen belastungsbedingte oder neuromuskuläre Beschwerden ohne nachweisbare Gewebeschädigung. Strukturelle Muskelverletzungen (Typ 3 und 4) beinhalten Teilrisse unterschiedlicher Ausdehnung sowie komplette Muskel- oder Sehnenabrisse.
- ergänzend wird die British Athletics Muscle Injury Classification (BAMIC, Pollock et al., 2014) verwendet. Diese teilt Muskelverletzungen anhand bildgebender Befunde in die Grade 0 bis 4 ein. Grad 0 beschreibt klinische Beschwerden ohne strukturellen Schaden, während Grad 1 bis 3 zunehmende Ausmaße von Muskelfaserrissen darstellen. Grad 4 entspricht einem vollständigen Muskel- oder Sehnenriss. Zusätzlich wird die Lokalisation der Verletzung innerhalb des Muskels durch die Buchstaben a, b und c gekennzeichnet.
Diese differenzierte Diagnostik bzw. Analyse ist besonders bei Rezidivverletzungen (wiederholten Rissen) von Bedeutung. Da Sehnengewebe von Natur aus weniger durchblutet ist, heilt es langsamer. Hier bedarf es einer sorgfältig abgestimmten Strategie, um das Risiko einer erneut verlängerten Ausfallzeit zu minimieren.
Einteilung
Vor allem im Hinblick auf unseren Schwerpunkt der operativen Behandlung von schweren Sehnen- und Muskel-Sehnen-Verletzungen (Grad 4 bei beiden oben genannten Einteilungen) unterscheiden wir folgende Pathologien
Einteilung nach dem Ort der Verletzung
Rückseite des Oberschenkels (Hamstrings)
- am Sitzbein: Bizeps femoris, Semitendinosus, Semimembranosus
- am Knie: Bizeps am Fibulaköpfchen, Semitendinosus am Pes anserinus
Vorderseite des Oberschenkels (Quadrizeps)
- am Darmbein: Rectus femoris
- am Knie: Quadrizeps am Kniescheiben-Oberrand, Patellasehne
Innenseite des Oberschenkels (Adduktoren)
- am Schambein: v.a. Adduktor longus
Einteilung nach der Art des betroffenen Gewebes
Sehne am Knochen (tendinös / intratendinös)
- Ursprungs- oder Ansatzbereich direkt am Knochen
- Muskel-Sehnen-Übergang (muskulo-tendinös)
- Übergangsbereich der festen Sehne zu den elastischen Muskelfasern
Sehne im Muskel (intramuskulär)
- Sehnenverletzung im Muskel
Muskel
- Den gesamten Querschnitt des Muskels oder seine Faszienhülle betreffend
Sonderfälle
Rezidiv-Verletzungen bzw. alte Verletzungen
- Wiederholte Verletzungen, v.a. treten diese am Muskel-Sehnen-Übergang oder intramuskulär nach primärer konservativer Behandlung auf
- Alte Verletzungen sind solche, die initial übersehen oder nicht richtig eingeschätzt wurden und entsprechend über mehr als ein halbes Jahr alt sind und häufig mehrere Zentimeter Distanz aufweisen
Chronische Sehnenreizungen (Tendinopathien)
- Meist über lange Zeit gehende Entzündungsreaktion der Sehne direkt am Knochen ohne erinnerlichen Unfall
Unser Behandlungskonzept: Konservativ – Interventionell – Operativ
Wir verfolgen einen stufenweisen Behandlungsansatz, der sich streng an der Schwere der Verletzung orientiert
Konservative & Interventionelle Therapie
Bei primären Verletzungen und Beteiligung von nur einer Sehne und Retraktion bzw. Dehiszenz von weniger als 2 cm und wenig oder kaum Beschwerden und evtl. speziellem Patientenwunsch können die genannten Verletzungen auch konservativ behandelt werden.
Wir versuchen immer, das ursprünglich vorhandene Hämatom zu punktieren und damit die Distanz zwischen den verletzten Strukturen und dem anatomischen Ursprung bzw. dem benachbarten Gewebe möglichst zu minimieren. Dann erfolgt in der verbleibenden Defektregion eine narbige Heilung. Wir versuchen sowohl deren Geschwindigkeit als auch endgültige Belastbarkeit durch die Gabe von Wachstumsfaktoren (z. B. Arthrex ACP) unter sonographischer Kontrolle direkt an die Defektstelle zu beschleunigen bzw. zu verbessern.
Eine Ausnahme stellen raumfordernde Einblutungen, die nicht punktiert werden können und Kompartmentsyndrome z. B. nach direkten Anpralltraumata oder im Rahmen von Frakturen, dar. Die Einblutungen bedürfen einer offenen Hämatomausräumung, die Kompartmentsyndrome einer Spaltung der betroffenen Muskelfaszien.
Bei Tendinopathien oder funktionellen Beschwerden oder Teilrissen steht die konservative Behandlung im Vordergrund. Hierzu nutzen wir die gezielte Physiotherapie, exzentrisches Krafttraining sowie Stoßwellen- und Lasertherapie. Ergänzend kommen ultraschallgesteuerte Infiltrationen mit Wachstumsfaktoren (PRP / ACP) oder Sklerosierungstherapien zum Einsatz.
Operative Therapie
Bei kompletten Sehnen- oder Muskelabrissen oder nach einem erfolglosen konservativen Therapieversuch von mindestens drei Monaten ist ein operativer Eingriff zu empfehlen. Als Faktoren pro OP werden ein deutliches Kraftdefizit zwischen der betroffenen und nicht betroffenen Seite, starker Schmerz, zwei oder drei betroffene Sehnen, Sehnenretraktion größer 2 – 3 cm, ein hohes Aktivitätslevel und weniger als drei Monate Latenz zur Verletzung beschrieben.
Im Gegensatz dazu werden wenig Kraftdefizit, wenig Schmerz, nur eine betroffene Sehne mit weniger als 2 cm Retraktion, ein niedriges Aktivitätslevel und mehr als drei Monate nach Verletzung als positive Prädiktoren für eine erfolgreiche konservative Therapie betrachtet.
Bezugnehmend auf die oben genannte Einteilung nach der Art des betroffenen Gewebes praktizieren wir folgende Versorgungen:
- direkt am Knochen abgerissene Sehnen werden mittels Fadenankern direkt am Knochen wieder fixiert
- Verletzungen am Muskel-Sehnen-Übergang werden direkt vernäht und zusätzlich mit Fadenankern am angrenzenden Knochen, meist dem Beckenknochen fixiert
- Verletzungen der intramuskulären Sehne mit Retraktion > 2 cm oder im Revisionsfall werden von Narbengewebe befreit und dann direkt vernäht
- Den gesamten Querschnitt des Muskels oder seine Faszienhülle betreffend Verletzungen können durch Fasziennaht rekonstuiert werden
Nachsorge und Prognose
Der langfristige Erfolg einer Behandlung basiert maßgeblich auf einer strukturierten Nachbehandlung. Gemeinsam mit erfahrenen Physiotherapeuten begleiten wir Sie durch eine phasenangepasste Rehabilitation. Bei zeitgerechter Diagnose und konsequenter Nachsorge ist die Prognose gut, sodass die meisten Patienten ihre volle Belastbarkeit im Alltag und Sport wiedererlangen.
Bei der Therapie von akuten und chronischen Sehnen- und Muskel-Sehnen-Verletzungen am Oberschenkel wird in jüngerer Literatur die operative Option favorisiert mit Rückkehr zum Sportniveau vor der Verletzung und niedrigem Rezidiv-Risiko.
Insgesamt zählen wir durch eine jahrzehntelange Expertise auf dem Gebiet der Sehnen- und Muskel-Sehnen Verletzungen am Becken und Oberschenkel und Knie zu den führenden Einrichtungen für deren operative Behandlung. Unser insgesamt ganzheitliches Behandlungskonzept reicht von der konservativen Behandlung über interventionelle Verfahren bis zur spezialisierten Operation. Unsere Erfahrungen reichen vom Leistungssportler bis zum aktiven alten Menschen und von der einfachen Erst-Verletzung bis zur komplexen veralteten oder Wiederholungs-Verletzung.
Unsere Referenzen und Publikationen
Im Weiteren finden Sie unsere Publikationen und Forschungsarbeiten in diesem Bereich:
- Hinterwimmer_Hamstring-Verletzungen_PARTes the blog 2026 (https://partesmuc.de/14-hamstringverletzungen-im-fussball-ursachen-behandlung-und-reha-ein-interview-mit-prof-dr-hinterwimmer/)
- Hinterwimmer + Fritsch_Beckennahe HamstringVerletzungen_Sportärztezeitung 2024 (PDF)
- Hinterwimmer et al._Intramuskuläre Sehnenverletzungen am Oberschenkel_Sportmedizin Sportschaden 2024 (PDF)
- Schroeter + Hinterwimmer et al._Pathogenesis and Diagnosis of Proximal Hamstring Tendinopathies_Sportverletzung Sportschaden 2024 (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37348536/)
- Hinterwimmer_Muskel-Sehnen-Verletzungen_Sportärztezeitung 2018 (PDF)
- Ueblacker + Hinterwimmer et al._Suture anchor repair of proximal rectus femoris avulsions in elite football player_Knee Surgery Sports Traumatology Arthroscopy 2015 (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25030224/)
- Feucht + Hinterwimmer et al._Gross anatomical and dimensional characteristics of the proximal hamstring origin_Knee Surgery Sports Traumatology Arthroscopy 2015 (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24929658/)